Bedenken und Vorurteile gegenüber dem frühen Fremdsprachenunterricht
Vorurteil 1: Mein Kind wird durch Englisch in der Grundschule überfordert!
Vorurteil 2: Die Entwicklung der Muttersprache leidet durch eine Fremdsprache!
Vorurteil 3: Mein Kind muss zuerst richtig lesen und schreiben lernen!
Vorurteil 4: Kinder lernen in der Grundschule ohnehin nur ein paar Brocken Englisch!
Vorurteil 5: Der spielerische Englischunterricht verdirbt mein Kind!
Vorurteil 6: Zweisprachig aufwachsende Kinder sollten zuerst Deutsch lernen
Vorurteil 1:
"Englisch in der Grundschule überfordert mein Kind!"
Gegenargument:
Im Fremdsprachenunterricht in der Grundschule geht es um eine erste Begegnung der Kinder mit der Fremdsprache, nicht um Sprachunterricht im herkömmlichen Sinne. Die ersten Schritte in die neue Sprache werden kindgerecht gestaltet, so dass eine Überforderung der Kinder praktisch ausgeschlossen ist. Die Neugier der Kinder auf alles Neue soll auf die englische Sprache und Kultur gelenkt werden, sie werden spielerisch und experimentierend mit englischen Namen, Wörtern und später auch mit kleineren Texten umgehen. Dabei wird immer die gesprochene Sprache in kommunikativen Situationen im Mittelpunkt stehen. Kein Kind wird zum Sprechen in der neuen Sprache gedrängt, solange es nicht von sich aus dazu bereit ist. So kann sich in entspannter Atmosphäre zunächst Sprachverstehen und allmählich die Bereitschaft zum aktiven Verwenden der neuen Sprache entwickeln.
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Vorurteil 2:
"Die Entwicklung der Muttersprache leidet durch zu frühen Fremdsprachenunterricht!"
Gegenargument:
Die Muttersprache von Kindern im Grundschulalter ist oft noch recht fehlerhaft. Daher ist es eine verständliche Sorge der Eltern, dass die Konfrontation mit einer neuen Sprache die Festigung der Muttersprache aufhält. Alle neueren Erkenntnisse der Spracherwerbsforschung sprechen jedoch gegen einen negativen Einfluss des frühen Fremdsprachenunterrichts. Die Natur hat uns grundsätzlich mit einer Veranlagung zur Mehrsprachigkeit ausgestattet. Kindern bis zum Alter von zehn Jahren fällt der Erwerb einer zweiten Sprache besonders leicht.
Im Vor- und Grundschulalter sammeln Kinder durch Fragen und Experimente in kürzester Zeit unendlich viele neue Informationen und Erfahrungen, die sie zu neuen Systemen verknüpfen. So konstruieren sie sich von Beginn an ihre Welt. Wenn der Fremdsprachenunterricht in der Grundschule den Kindern die Möglichkeit einräumt, sich auf ihre individuelle Weise mit der englischen Sprache zu beschäftigen, erweitert dies ihren sprachlichen Horizont beträchtlich. Bewusst und unbewusst vergleichen sie unbekannte mit vertrauen sprachlichen Phänomenen und bilden dabei immer neue Hypothesen über die Sprache. Diese kognitiven Prozesse lassen sich sehr gut an ‚Fehlern' in der kindlichen Sprache nachvollziehen. Letztlich wirken sie sich positiv auf beide sprachlichen Systeme aus.
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Vorurteil 3:
"Mein Kind muss zuerst richtig lesen und schreiben lernen, bevor es eine Fremdsprache lernt!"
Gegenargument:
Dieses Argument wird häufig von Eltern genannt, die die Sorge haben, ihr Kind könne mit dem Erwerb einer neuen Sprache überfordert sein. Doch gerade für Kinder, die in anderen Fächern Probleme haben dem Lerntempo der anderen zu folgen, kann der Englischunterricht eine Chance sein. Alle Kinder fangen mit dem gleichen Wissensstand an, der Unterricht ist spielerisch aufgebaut und jedem Kind wird sein individuelles Lerntempo zugestanden. Unter diesen Rahmenbedingungen haben auch schwächere Schülerinnen und Schüler die Chance auf Erfolgserlebnisse, welche die Freude am Sprachenlernen fördern und die sich auch positiv auf den Deutschunterricht auswirken können.
Zur konkreten Sorge, der Englischunterricht könne den Lese- und Schreiberwerb der Muttersprache hemmen: Für den Deutschunterricht steht erheblich mehr Zeit zur Verfügung als für den Englischunterricht. Auch inhaltlich tritt der Fremdsprachenunterricht nicht in Konkurrenz zum Unterricht in der Muttersprache. Die englische Schrift spielt am Anfang gar keine, zum Ende des 4. Schuljahres nur eine untergeordnete Rolle. Der Englischunterricht verfolgt vielmehr das Ziel Grundlagen für die mündliche Kommunikation zu vermitteln. Der Spracherwerb erfolgt dabei nahezu mühelos, so dass keine Energien vom muttersprachlichen Unterricht abgezogen werden.
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Vorurteil 4:
"Die Kinder lernen ohnehin nur ein paar Brocken Englisch – Englisch in der Grundschule ist überflüssig!"
In den zwei Jahren Englischunterricht der Grundschule lernen die Kinder nicht annähernd soviel Englisch wie im selben Zeitraum an weiterführenden Schulen. Daraus zu schließen, der Englischunterricht in der Grundschule sei überflüssig, wäre jedoch ein Fehler. Die Fremdsprachendidaktik der Grundschule ist durch eine Reihe von Grundsätzen geprägt, die wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen, positiv besetzten Fremdspracherwerb schaffen:
- der unbewusste Spracherwerb wird gefördert,
- der Unterricht vollzieht sich ganzheitlich,
- der Schwerpunkt des Unterrichts liegt auf dem spielerischen, musischen, kreativen Element,
- der Unterricht orientiert sich an Themen aus der Lebenswelt der Kinder.
All diese Aspekte schaffen die Grundlage für einen angstfreien, natürlichen Erwerb der englischen Sprache – eine hervorragende Grundlage für den Unterricht der weiterführenden Schulen. Bewusste Sprachreflexion wie Grammatik- und Rechtschreibübungen entsprechen nicht dem kognitiven Stand von Grundschulkindern. Sie würden den Spracherwerb in diesem frühen Stadium eher hemmen. Ein Fremdsprachenunterricht, wie ihn der gegenwärtige Lehrplan für die Grundschule vorsieht, schöpft hingegen aus der kindlichen Freude an allem Neuen und nutzt die kritische Phase für den Zweitspracherwerb. Ab dem zehnten Lebensjahr nimmt die Sprachlernfähigkeit kontinuierlich ab, da sich nach dieser kritischen Phase die kognitiven Strukturen des Gehirns verändern. Dementsprechend kann der Fremdsprachenunterricht gar nicht zu früh beginnen!
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Vorurteil 5:
"Der spielerische Englischunterricht der Grundschule verdirbt die Kinder für den‚ ernsthaften' Englischunterricht der weiterführenden Schulen!"
Gegenargument:
Der Lehrplan für Englischunterricht in der Grundschule fordert die Ausrichtung des Unterrichts an Prinzipien, die das aktive Handeln des Lernenden in den Mittelpunkt stellen. Dazu gehören die Prinzipien des spielerischen, darstellenden und gestaltenden Lernens sowie des entdeckenden und experimentierenden Umgangs mit Sprache. Beides entspricht dem Entwicklungsstand der Schülerinnen und Schüler in der Grundschule. Die Einbeziehung aller Sinne motiviert die Kinder dazu, Redemittel in ganzheitlicher Form zu üben und sie sich auf diesem Wege einzuprägen.
Für einen authentischen Zugang zum Englischen sollen den Kindern möglichst viele Materialien zur Verfügung stehen, die zur Lebenswirklichkeit von Kindern im angloamerikanischen Sprachraum gehören, z. B. Kinderbücher, Bildlexika, Lieder und Filme, aber auch Lernsoftware, die in Ergänzung zum verwendeten Arbeitsheft das Hörverstehen der Kinder schult. Per Klassen-Computer können E-Mail-Partnerschaften zu englischsprachigen Kindern aufgebaut werden. Ein reiches Spektrum an authentischem Sprachmaterial bieten auch englischsprachige Internetseiten für Kinder.
Durch den Einsatz dieser multimedialen Unterrichtsmittel werden die neuesten Erkenntnisse der Fremdsprachendidaktik in die Praxis umgesetzt: Sprachliches Handeln bildet Ausgangspunkt und Zielpunkt des Unterrichts. Dadurch werden die Kinder optimal gefördert, und zwar auch im Hinblick auf die anderen Fächer der Grundschule. Es wird ein tragfähiger Sockel geschaffen, auf dem der Fremdsprachenunterricht der weiterführenden Schulen aufbauen kann. Zu einem Bruch in der Unterrichtsmethodik wird es nicht kommen, da sich auch die weiterführenden Schulen zunehmend an den Prinzipien der modernen Fremdsprachendidaktik ausrichten.
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Vorurteil 6:
"Für zweisprachig aufwachsende Kinder ist es wichtiger, zuerst Deutsch zu lernen, bevor sie mit einer weiteren Fremdsprache belastet werden!"
Gegenargument:
Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen zwar, dass sich durch das gleichzeitige Erlernen mehrerer Sprachen der Lernprozess verzögern kann, der Lernerfolg wird davon jedoch nicht beeinträchtigt. Die natürliche Anlage des Menschen zum Spracherwerb ist auf Mehrsprachigkeit ausgelegt. Je mehr Kontakt ein Mensch in der frühen Kindheit mit Sprache hat, desto besser entwickelt sich seine sprachliche Intelligenz und desto leichter wird ihm zukünftig das Erlernen von Fremdsprachen fallen. Zudem lassen sich die Lerntechniken, die den Kindern im frühen Englischunterricht vermittelt werden, auch auf alle anderen Bereiche strukturierten Lernens übertragen.
Gerade für Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, bietet der frühe Englischunterricht Vorteile: Hier haben sie die gleichen Voraussetzungen wie deutschsprachige Kinder, denn alle fangen mit dem Erlernen des Englischen von vorn an. Zudem schafft der handlungsorientierte Englischunterricht Brücken für die Kommunikation in der Zweitsprache Deutsch. Die Kinder lernen Gestik, Mimik und Bildmaterial einzusetzen, um sich in einer fremden Sprache mitzuteilen und erwerben dabei grundlegende kommunikative Kompetenzen.
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